Hurra! Endlich ist das erste Interview fertig. Ich führe generell nur Interviews mit Menschen, die mich persönlich interessieren. Und @nnamrreherdna ist so einer. Und zum Glück ist dies hier kein Sprachinterview, seinen Twitternamen könnte ich niemals fehlerfrei aussprechen.
@nnamrreherdna ist André Herrmann und hier ein paar Sätze über ihn:
André Herrmann wurde geboren, wuchs auf und ist die meiste Zeit seines Lebens jung. Heute ist er Politikwissenschaftler und tritt seit 2007 bei Poetry Slam und seit 2008 monatlich als Gründungsmitglied bei der Leipziger Lesebühne Schkeuditzer Kreuz auf. Als Internetenthusiast veröffentlicht er seit 2006 in seinem zur Weltverbesserung gegründeten Blog auf www.andreherrmann.de unaufhörlich Geschichten seinem noch jungen, aber bereits recht erfolgreich absurden Leben. Er gewann zahlreiche Poetry Slams im deutschsprachigen Raum, veröffentlichte bereits in vielen Zeitschriften und Anthologien und ist Träger des Michael-Lindner-Preises 2009. Gemeinsam mit Julius Fischer bildet er das legendäre Team Totale Zerstörung, das 2011 vor 4.500 Zuschauern in der O2 World in Hamburg die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam gewann. In Planung befinden sich mehrere nerven- und buchmarkterschütternde Romane, ein Progressive-Rock-Album unddie Anschaffung einer Katze.
So. Und nun viel Spaß bei dem Interview:
Du twitterst, schreibst eBooks, bloggst, stehst auf großen Bühnen und verschickst über 100 Postkarten an Menschen aus dem Internet. Was wäre wohl aus André Hermann ohne das Internet geworden?
Ein erfolgreicher junger Mann, vielleicht. Womöglich wäre ich auf die schiefe Bahn geraten und würde jetzt mit einer Pandamaske auf dem Kopf Popmusik machen. Vermutlich würde ich weniger Zug fahren und stattdessen ein tiefergelegtes Auto besitzen, mit dem ich in der Hofpause vor irgendeiner Schule herumstünde. Letztendlich glaube ich aber, dass ich ohne das Internet einfach das Internet erfunden hätte. Was mich wiederum zu einem erfolgreichen jungen Mann machen würde.
Habe ich das richtig verstanden? Die USA-Kanada-Tour wurde dir/euch gesponsert? Magst du uns erzählen, wie es dazu gekommen ist? Und was der Grund für diese Reise war?
Die offizielle Version ist, dass wir, d.h. das Team Totale Zerstörung, die Reise zum größten Teil von einem Bonbonhersteller gesponsort bekommen haben, weil wir letztes Jahr die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam in Hamburg gewonnen haben. In Wirklichkeit war es aber nur ein besonders cleverer Weg, die Berufung ins olympische Gymnastikteam der Herren zu umgehen.
Also ich hätte dich ja gerne am Reck hängen gesehen. Mal eine Frage, die vermutlich nur mich interessiert: Du warst bei den New York Yankees, richtig? Sag mal, singt man dort im Stadion eigentlich? Kann man die Stimmung ein wenig mit den Fußballstadien in Europa vergleichen? Oder wie darf man sich das ganze vorstellen?
In Chicago waren wir mal im Wrigley Field Baseballstadion, um uns ein Fußballspiel zwischen AS Rom und Zbigniew Lublin anzuschauen. Ziemlich absurde Veranstaltung. In New York waren wir dann bei einem richtigen Spiel der Yankees. Vergleichbar mit Fußball ist da eigentlich nur, dass haufenweise Menschen in einem riesigen Stadion sitzen. Ansonsten scheint Baseball (ich war ja nur bei einem Spiel) eher so eine Art Familienveranstaltung zu sein. Schon mit richtigen Fans, aber weitaus relaxter und weniger fanatisch. Wobei die Yankees auch haushoch gewonnen haben. Womöglich zerlegen diese ach so friedlichen Familien im Falle einer Niederlage auch regelmäßig das Stadion, wer weiß?!
Wirkte aber alles eher gesittet, was auch seinen Reiz hatte. Aber ich würde auf Fankurven trotzdem nicht verzichten wollen.
Ist die USA und Kanada so, wie man es sich vorstellt?
Wenn man sich Kanada als dauerhaft mit Schnee bedecktes Land voller mit Elchen kuschelnder Mounties vorstellt, wird man vielleicht enttäuscht sein. Aber Kanada kommt einem im Vergleich zu den USA doch sehr europäisch vor, womit ich nicht ‚weiter entwickelt‘ oder so etwas meine. Vielleicht liegt es daran, dass es dort auch das metrische System gibt und man nicht ständig denkt ‚Wie viel zum Teufel sind denn 37 Unzen?‘ Ausgehend vom Bierpreis ist Kanada jedenfalls total teuer. Wir haben diese Problematik direkt in einem Blues festhalten müssen: Dem Toronto Blues.
Die USA sind weitaus entspannter, als ich gedacht hätte. Zumindest was Detroit, Chicago und New York angeht. Als Deutscher ist man ja ständig versucht, sich über 13 Dollar für eine Schachtel Zigaretten oder das Wetter aufzuregen, aber als Amerikaner nimmt man einfach eine seiner dreißig Schrotflinten und löst das Problem. Natürlich nicht, aber so hektisch wie eine Gruppe Rentner beim Einsteigen in einen ICE sind nicht einmal die Leute an der Wall Street.
Aber man übertreibt gern ein bisschen in Übersee. Detroit wird da schon mal als schlimmste Stadt der Welt hingestellt, obwohl das bekanntermaßen Halle an der Saale ist. Und es wird einem des Öfteren gesagt, dass überall Gangs unterwegs seien und man nachts nicht so viel herumlaufen soll. Dabei haben wir mit den ganzen Überfällen praktisch mehr verdient, als wir in den drei Wochen ausgeben konnten.
Ich habe schon lange alle Videos von euch auf YouTube gesehen. Julius Fischer, dein Crew-Mitglied und Du stehen oft auf großen Bühnen. Ist es für dich noch eine große Überwindung oder hattest du mit Lampenfieber nie große Probleme?
Aufregung ist schon immer da. Aber solang man sie irgendwann während des Auftritts vergisst, ist alles super. Und selbst wenn mal irgendetwas schief geht, ist das nicht so schlimm. Es kann auch ganz sympathisch sein. Außerdem sind wir ja keine Popstars, denen irgendein Konzern im Nacken sitzt. Aber natürlich ist ein Fernsehauftritt ein bisschen was Anderes, als vor 50 Leuten in einer Kneipe. Wobei beides auf seine Weise gut ist.
Auf der Bühne rappt ihr eure Texte (und zwar besser als so manche ‘Popmusiker’ mit Pandamasken.), ist Hip Hop für euch nur ein Stilmittel oder schon auch eine wichtige Sache für euch?
Wir wären schon gern echte Rapper. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, in New York in den Wu-Tang Clan aufgenommen zu werden. Aber wir sind halt irgendwie doch nur zwei, die studiert haben und niemals zu einem Hip Hop Jam eingeladen werden. Wobei, das kam schon vor. Allerdings ging der Veranstalter dann plötzlich pleite. Ich glaube, es war unsere Schuld. Außerdem fehlt uns ein guter DJ.
Ich für meinen Teil hab früher schon viel Hip Hop gehört. Allerdings zu der Zeit, als ich es noch nicht so schlimm fand, wenn ich wegen der Baggies keine Freundin abbekam und beim Treppensteigen ziemlich doof aussah.
Am liebsten mag ich guten Hip Hop. Vielleicht höre ich deshalb seit vielen Jahren eher Anderes.
Ist Poetry Slam das moderne Kabarett oder etwas ganz Anderes?
Poetry Slam ist ja nur ein Veranstaltungsformat, bei dem Leute selbstgeschriebene Texte, seien es Gedichte, Prosastücke, Dramen, etc. innerhalb eines Zeitlimits vor einem anschließend bewertenden Publikum vortragen. Kabarett sagt (für meine Begriffe leider zu oft) schon viel über den Inhalt aus. Ich will Poetry Slam nicht in Schutz nehmen oder besser bewerten als Comedy oder Kabarett. Es gibt überall Schlechtes und Gutes. Nur glaube ich, dass Poetry Slam das bessere Sprungbrett ist, wohin auch immer. Ich glaube, man entwickelt sich automatisch nach ein paar Jahren in irgendeine andere Richtung. Und kann dann aber trotzdem immer mal wieder bei einem Slam mitmachen. Einfach, weil die meistens doch recht spaßig sind.
Neben Poetry Slam bist auch auf Twitter aktiv unterwegs. Ist Twitter eine gute Platform, um zu testen welcher Witz gut ankommt?
Twitter ist für mich so etwas wie ein öffentliches Notizbuch. Einfach aufmachen und etwas reinschreiben, fertig. Und ab und an mal nachgucken, ob es jemandem gefallen hat. Natürlich ist das auch so ein bisschen Pointen-Testen, aber nicht hauptsächlich. Zumindest lese ich ebenso gern das Geschreibe von einigen Anderen. Ist vielleicht meine Form des InTouch-Lesens oder Schwiegertochter-Gesucht-Guckens. Immerhin wird man seit einer Weile nicht mehr so belächelt, wenn herausrauskommt, dass man twittert. Aber ich würde es auch keinem auf die Nase binden. Ich würde ja auch nicht zugeben, dass ich alle Folgen der Gilmore Girls kenne.
Kennst du alle Folgen der Gilmore Girls?
Nein.
Schade. Aber okay. Wie bist du eigentlich dazu gekommen? Wie hast du gemerkt, dass dir das Schreiben liegt und du witzig bist?
Damals, nachdem ein erfolgreicher Lyrik-Abend im örtlichen Biker-Club zu Ende gegangen war, legten mir die Clubobersten nahe, mich doch lieber auf Poetry Slams auzutoben. Und da ich eh gerade nach Leipzig gezogen war, ging ich mal hin, machte mit und weil ich so traurig aussah, ließ man mich auch gleich gewinnen. Der Rest ergab sich dann irgendwie von selbst mit den Jahren.
Ich glaube, dass Humor und Ironie für mich der beste Weg sind, mit der Welt klarzukommen. Vor allem, weil sie meistens gar nicht so witzig ist und auch noch total wichtig wirken will. Wenn ich das alles so ernst nehmen würde, wie ich es soll, wäre ich ja den ganzen Tag total niedergeschlagen.
Zurück in die Zukunft. Was planst du für die Zukunft. Hast du Ideen oder Projekte auf der To-Do-Liste, die du gerne umsetzen würdest?
Julius sagt, ich solle unbedingt mal die zweite Staffel Game of Thrones zu Ende gucken. Meine Eltern sagen, ich solle doch mal meine Masterarbeit fertig schreiben. Ich sage mir öfter, dass es gut wäre, Anfang nächstes Jahr mal ein richtiges Buch geschrieben zu haben. Und die Masterarbeit auch. Mit TTZ nehmen wir sehr bald ein Album auf. Also so ein halbes, ist schließlich auch etwas Prosa dabei. Das soll noch dieses Jahr rauskommen. Und dann mal gucken. Darüber hinaus das Übliche: ungerechtfertigter Reichtum, Weltherrschaft, 10.000 Follower, ein Progressive-Rock-Album und eine Katze.
Vielen Dank für das Interview und noch viel Erfolg. Wobei auch immer.
Links!
Twitter: http://www.twitter.com/nnamrreherdna
Blog: http://www.andreherrmann.de
TTZ: http://facebook.com/TeamTotaleZerstoerung
Foto von: Hendrik Schneller
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